Interview mit unserem neuen Co-Präsidium Dominique Barjolle und Muriel Fischer

Kategorie Neuigkeiten | Donnerstag, 20. August 2026

Mit Dominique Barjolle und Muriel Fischer übernimmt ein neues Co-Präsidium die Leitung von Slow Food Schweiz. Die beiden bringen unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen mit, teilen aber ein gemeinsames Anliegen: die Slow Food-Bewegung in der Schweiz weiterzuentwickeln und sich für ein zukunftsfähiges Ernährungssystem einzusetzen.

Im Interview sprechen sie darüber, was sie mit Slow Food verbindet, welche Themen ihnen besonders wichtig sind und wo sie die Bewegung in den kommenden Jahren hinführen möchten.

Muriel, du verbindest Gastronomie, Esskultur und politisches Denken. Dominique, du beschäftigst dich seit vielen Jahren mit Landwirtschaft, Qualität, Ernährungssicherheit und regionaler Wertschöpfung. Was verbindet euch persönlich mit Slow Food?

2026 06 Slow Food Suisse Congres Membres Muriel Fischer

Muriel: Vor vielen Jahren sprach ich auf einer Reise in Bolivien mit einem Einheimischen, der mir erzählte,  dass Quinoa durch den weltweiten Boom zu einem begehrten Exportprodukt geworden ist – und sie selbst kaum noch davon essen können, obwohl es einst zu ihren wichtigsten Grundnahrungsmitteln gehörte. 

Diese Begegnung hat mir eindrücklich gezeigt, welchen Einfluss unser Konsum auf Menschen und Regionen haben kann. Und wie politisch unser Essen eigentlich ist.

Als ich dann vor rund zehn Jahren zum ersten Mal mit Slow Food in Kontakt kam, wusste ich sofort: Das ist es. Das sind die Werte, für die ich mich einsetzen möchte. Seither begleiten sie mich beruflich und privat wie ein Kompass und haben mich schliesslich auch dazu bewogen, an der Slow Food Uni einen Master zu absolvieren.

Von Anfang an hat mich die Verbindung von Genuss und Verantwortung fasziniert. Gleichzeitig liebe ich die Freude, die gutes Essen auslösen kann – die Geschichten hinter Lebensmitteln und die Menschen, die sie mit Leidenschaft herstellen. Genau das ist Slow Food für mich.

«Unser Konsum hat Einfluss auf Menschen und Regionen – unser Essen ist eigentlich politisch», so Muriel Fischer

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Dominique: Was mich mit Slow Food verbindet, sind seine Werte: gutes, sauberes und faires Essen. Seit meiner ersten Teilnahme an Terra Madre hat mich die Aufmerksamkeit, die den Erzeugerinnen und Erzeugern, ihrem Know-how und ihren Lebensbedingungen entgegengebracht wird, sehr angesprochen.

Ein Produkt drückt immer etwas von seiner Herkunft aus: eine Beziehung zur Natur, eine Esskultur, Biodiversität und überlieferte Traditionen. Ich liebe diese Authentizität des Produkts, die in einer Region und im Leben derer verwurzelt ist, die es hervorbringen.

Was hat euch dazu bewogen, gerade jetzt Verantwortung für Slow Food Schweiz zu übernehmen?

Dominique: Die Herausforderungen im Ernährungsbereich sind heute riesig: Ressourcen schonen, landwirtschaftliche Arbeit fair anerkennen und die Vielfalt unseres kulinarischen Erbes bewahren. Ich wollte mich dafür einsetzen, dass Slow Food diese Vision weiterhin vertritt – gemeinsam mit den Produzentinnen und Produzenten, den Gastronomen und Gastronomen sowie den Convivien.

Muriel nickt: Dem kann ich nur zustimmen. Je länger und intensiver ich mich beruflich mit unserem Ernährungssystem auseinandersetze, desto deutlicher sehe ich auch die Herausforderungen, die das kommerzielle System mit sich bringt. Gleichzeitig hat das Thema Nachhaltigkeit angesichts der aktuellen Weltlage und vieler anderer drängender Krisen an Bedeutung verloren. Gerade deshalb braucht es eine Bewegung, die sich für den Wert von Lebensmitteln, ihre Herkunft und die Menschen dahinter einsetzt.

Ich bin überzeugt, dass gesellschaftliche Veränderungen nur durch engagierte Menschen entstehen können – und Slow Food bringt genau diese Menschen zusammen.

Ihr tretet bewusst als Co-Präsidium an. Was kann diese Form der Führung, was ein Einzelpräsidium vielleicht weniger gut leisten kann?

Muriel: Ich bin ein grosser Fan gemeinsamer Führung. Es ist enorm wertvoll, Ideen und auch schwierige Entscheidungen gemeinsam reflektieren zu können. Dominique und ich bringen unterschiedliche Erfahrungen, Fachkenntnisse und Persönlichkeiten mit – dadurch entsteht ein breiterer Blick auf Themen.

Dominique ergänzt: Unser Co-Präsidium spiegelt auch die kulturelle und sprachliche Vielfalt der Schweiz wider. Muriels Perspektive auf Gastronomie und Esskultur ergänzt meine Erfahrung in Landwirtschaft, Lieferketten und regionalen Produkten sehr gut. Gleichzeitig können wir so näher an den unterschiedlichen Regionen und Convivien sein. 

Was soll in den nächsten zwei Jahren euer wichtigster Fokus für Slow Food Schweiz sein bzw. wo möchtet ihr Slow Food besonders stärken?

Muriel: Wir haben das grosse Privileg, Slow Food Schweiz von Toya und Laura auf einer starken Basis übernehmen zu dürfen. Diese möchten wir weiterführen und gleichzeitig die Convivien stärken, Slow Food als glaubwürdige Stimme sichtbarer machen und mehr Menschen für die Bewegung begeistern.

Dominque: Genau. Zunächst möchte ich zu einer klaren, ethischen und vertrauenswürdigen Führung beitragen, die es dem Team, dem Vorstand und den Convivien ermöglicht, mit einer gemeinsamen Vision voranzukommen.

Im Kern möchte ich mich für eine Ernährung einsetzen, die gut schmeckt und Sinn stiftet, die den Böden, den Tieren, der Artenvielfalt und dem traditionellen Wissen Respekt entgegenbringt. Die Bewegung muss auch die vielen Menschen sichtbar machen, die sich bereits jeden Tag für eine hochwertige Ernährung einsetzen.

Was schätzt ihr jeweils an der Perspektive der anderen?

Dominique: Muriel bringt eine engagierte Sicht auf Gastronomie und Esskultur mit, die meine Erfahrung mit Landwirtschaft, Lieferketten und regionalen Produkten sehr gut ergänzt. Besonders schätze ich ihre Fähigkeit, Genuss und Verantwortung miteinander zu verbinden.

Muriel: Das kann ich nur zurückgeben. Dominique bringt einen enormen Wissensschatz mit und verbindet wissenschaftliches Denken mit einem tiefen Verständnis für die Praxis. Sie kennt die Herausforderungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette und kann Slow Foods Anliegen dadurch sehr fundiert in gesellschaftliche und politische Debatten einbringen.

«Die Rolle von Slow Food besteht daher auch darin, Brücken zwischen diesen Realitäten und den Werten zu schlagen, für die wir eintreten, um Produktions- und Konsummodelle schrittweise einander anzunähern», erklärt Dominique Barjolle

Welches Potenzial steckt aus eurer Sicht in der Art, wie wir essen, einkaufen und produzieren?

Muriel: Ein enormes Potenzial. Wohl jede und jeder hat ein Gericht, das mit einer besonderen Erinnerung aus der Kindheit oder einem wichtigen Moment verbunden ist. Essen weckt Gefühle, verbindet Menschen und ist Teil unserer Identität. Gleichzeit treffen wir mit jedem Einkauf und jeder Mahlzeit Entscheidungen, die Auswirkungen auf Umwelt, Landwirtschaft und unsere Gesundheit haben.

Dominique ergänzt: Und genau deshalb geht es nicht nur um individuelle Entscheidungen. Unsere Ernährungsentscheidungen können dazu beitragen, dass Lebensmittel gut schmecken, gut für die Gesundheit und gut für die Natur sind. Sie können auch dazu beitragen, Landschaften, Artenvielfalt, traditionelles Wissen und Esskulturen zu bewahren, die Teil unseres gemeinsamen Erbes sind.

Aber dieses Modell muss zugänglicher werden. Zeit-, Budget- und Informationsengpässe sind für Verbraucherinnen und Verbraucher eine echte Herausforderung. Die Rolle von Slow Food besteht daher auch darin, Brücken zwischen diesen Realitäten und den Werten zu schlagen, für die wir eintreten, um Produktions- und Konsummodelle schrittweise einander anzunähern.

 

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