Wer eine Utopie sät, wird die Realität ernten
Carlo Petrini, Gründer der Slow-Food-Bewegung, zieht im Interview mit Salz&Pfeffer zum 20-Jahr-Jubiläum der Organisation eine ungeduldig positive Bilanz. Der Soziologe über die politische Dimension seiner Idee, McDonalds und seine Absage an die Pläne von Coop, Slow-Food-Produkte in Umlauf zu bringen.
TEXT: DAVID HöNER
Salz&Pfeffer: Herr Petrini, haben Sie schon einmal bei McDonald?s einen Big Mac gegessen? Und wenn ja, was ist ihnen dabei durch den Kopf gegangen?
Carlo Petrini: Ja, vor sehr langer Zeit in den USA. Ehrlich gesagt, m?chte ich diese Erfahrung nicht wiederholen, nicht aus Snobismus, sondern weil ich McDonald?s wirklich nicht mag, weder das Essen, noch die Stimmung, noch die Ger?che, die dort austreten.
S&P:Wie finanziert sich Slow Food?
Petrini: Es gibt verschiedenste Geldquellen. Haupts?chlich durch die Jahresbeitr?ge der Mitglieder, die Einnahmen des Verlags und der Veranstaltungen, die wir organisieren. Und dann suchen wir f?r jedes einzelne Projekt finanzielle Unterst?tzung, damit es realisierbar wird. Und zwar bei privaten Sponsoren, die nach strengen ethischen Prinzipien ausgew?hlt werden, und bei der ?ffentlichen Hand, wenn die Rahmenbedingungen dies
erm?glichen.
S&P: Seit 1989 das Slow-Food-Manifest verabschiedet wurde, hat sich die Welt gesellschaftlich und politisch ver?ndert. Inwiefern haben Sie die Leitlinien von Slow Food modifiziert?
Petrini: Ich glaube, dass die Grundidee der Zeit voraus war und das erste Manifest bereits den Kern von allen weiteren ?berarbeitungen in sich trug. Damit meine ich, dass das Geniessen und die Langsamkeit zwei Themen von grosser Aktualit?t sind. Ebenso die grosse Aufmerksamkeit gegen?ber der Umwelt und der ?kologie, die sich in jener Zeit stark entwickelte, als wir uns
f?r den Erhalt der traditionellen Produkte und der Bioversit?t entschieden hatten. Oder auch die W?rde, die wir den Produzenten der Lebensmittel in aller Welt verleihen wollen. Mit der Grossveranstaltung ?Terra Madre? bringen wir alle zwei Jahre 1500 Teilnehmer aus 150 Staaten in Turin zusammen. Die
Grundidee hat sich soweit entwickelt, dass wir erfreulicherweise ?Qualit?t? in der heutigen Welt neu definieren k?nnen. Ein Lebensmittel ist von hoher Qualit?t, wenn es gut, rein und richtig ist. Oder wenn es angenehme organoleptische Eigenschaften hat,wenn seine Herstellung die Umwelt und das ?kosystem respektiert, und wenn auch die soziale Gerechtigkeit auf
seinem ganzen Produktionsweg respektiert wird.
S&P: Als Sie vor 20 Jahren Ihre Organisation gegr?ndet haben, wurden die ?demokratischen und antifaschistischen Gourmets? als politisch naive Hedonisten bezeichnet.Wo stehen die Vertreter von Slow Food heute? Ist Slow Food eine politisch neutrale Organisation, die soziale und ?kologische Ziele verfolgt?
Petrini: Ich denke, dass gute Ideen weit kommen.Es ist normal, dass sie kopiert oder auf andere Weise weiterverwendet wird. Das st?rt mich nicht allzu sehr, es zeigt, dass die Idee funktioniert. Es ist klar, dass die Themen, die wir vertreten, in der ?ffentlichen Meinung immer mehr Aufmerksamkeit erlangen. Also ist es logisch, dass Slow Food auch politische Bedeutung erreicht. Das ist nicht schlecht, denn Politik soll auch diese Dimension haben. Dass die Lebensmittel und das Essen wieder wichtig werden in unserem Leben, kann nicht nicht-politisch sein.Was Slow Food betrifft, sind wir neutral,wenn Sie sich auf die klassischen politischen Kategorien beziehen.Aber ich kann nicht sagen, dass wir apolitisch sind, gerade weil ich glaube, dass unsere Themen in der ganzen Welt im Zentrum der Aufmerksamkeit der Politiker stehen m?ssen, unabh?ngig von ihrer Hautfarbe oder ihrer Gesinnung.
S&P:Wenn Sie den heutigen Stand der Slow-Food-Bewegung betrachten, sind Sie mit den erreichten Zielen zufrieden?
Petrini: Ja, aber ich bin ein Mensch, der nicht gern zur?ckschaut, und meine Mitarbeiter machen sich oft ?ber mich lustig, weil ich immer auf zukunftsgerichtete Projekte und Pl?ne ziele. Ich denke, dass wir einen richtigen Weg eingeschlagen haben und dass es wirklich viel zu tun gibt. Eines meiner Motti lautet: Wer eine Utopie s?t, wird die Realit?t ernten k?nnen.
S&P: Zweifellos ist Slow Food auch eine Frage des ?Lifestyle?. Was ist wichtiger, Hedonismus oder soziales, politisches Engagement?
Petrini: Im Leben eines Menschen, der den Genuss und die Qualit?t sucht, gibt es unvermeidlich hedonistische Komponenten. Aber der Hedonsimus ohne jegliches Verantwortungsgef?hl ist dumm. Es ist wirklich eine Frage des Lebensstils. Ich glaube,dass jeder von uns anfangen muss,zu sp?ren,dass er ein Teil einer Welt ist, die anf?ngt, grosse Probleme mit ihrem eigenen
?berleben zu haben. Die Lebensmittel und ihre schlechte Qualit?t oder die Produktionsbedingungen sind eine laute Alarmglocke. Wir sehen es jeden Tag, aber oft merken wir es gar nicht.
Zur Person: CARLO PETRINI wurde 1949 im Piemont geboren. 1989 gr?ndete der Soziologe die internationale Slow-Food-Bewegung, deren Pr?sident er heute noch ist. Damit schloss sich der Kreis zwischen theoretischem Konzept und konkreter Initiative. Er ist Herausgeber der Zeitschrift ?SLOW? sowie des Weltweinf?hrers ?Gambero Rosso? und Leitartikelschreiber der italienischen Tageszeitung ?La Stampa?. Als Mitbegr?nder der Universit?t f?r Gastronomische Wissenschaften erf?llte er sich den Traum, die Kultur der Gastronomie mit Forschung und Ausbildung auf h?chstem internationalen Niveau zu f?rdern. Carlo Petrini wurde mehrfach ausgezeichnet. Unter anderen
erhielt er die ?Communicator of the Year Trophy? der International Wine and Spirit Competition (IWSC) und den Sicco Mansholt Preis der EU-Agrarf?rderung, welcher alle zwei Jahre f?r innovative Ideen aus den Bereichen nachhaltige
Landwirtschaft und fairer Handel verliehen wird.
WAS MEINT DER BOSS?
S&P: In Ecuador und in der Schweiz sollen zur Kaviargewinnung St?re gez?chtet werden. Ein Spitzenkaviar der zu H?chstpreisen an exklusive Abnehmer geliefert werden soll. ? Slow Food?
Petrini: Teure Produkte sind oft schwierig und nur in kleinen Mengen herzustellen.Wichtig ist, dass ihre Produktion nachhaltig ist, man muss ja nicht jeden Tag Kaviar verspeisen. Ein wichtigeres Problem ist, dass Brot, Schinken, Gem?se h?ufig Produkte sind, die kaum auf nachhaltige Weise produziert
werden. Sie sind meist von minderer Qualit?t, und zudem kosten sie so wenig, dass wer davon lebt, nicht w?rdig ?berleben kann. Das ist ein richtiger Skandal. Ich pl?diere daf?r, dass die Lebensmittel einen entsprechenden Preis haben und bin nicht dagegen, dass es ein bisschen mehr kosten soll.Tatsache ist, dass
die Belastung unserer Brieftasche minim ist im Vergleich zu den hohen und unn?tigen Ausgaben, die wir sonst t?tigen. Man denke nur an die Kleidung oder die Telefonmanie zum Beispiel. Warum ist es sozial akzeptiert, dass wir ein unn?tiges Telefongespr?ch f?hren, aber ein paar Rappen mehr f?r eine gute, reine und richtige Tomate zu bezahlen zu Protesten f?hrt? Ein Kleidungsst?ck bleibt immer nur an Carlo Petrini, aber das,was ich esse, wird buchst?blich zu Carlo Petrini. Mir scheint es sinnvoll, ein bisschen mehr f?rs Essen auszugeben und an anderer Stelle zu sparen.
S&P: McDonald?s, Pizza Hut, Kentucky Fried Chicken und andere sind nur die Spitze des Eisberges. Grossproduzenten wie Nestl? und Unilever beherrschen den Markt. Gibt es M?glichkeiten, den negativen Folgen der Globalisierung auszuweichen?
Petrini: Man sollte die Bauern und Produzenten kennen, vom einfachen Konsumenten ? ?berlegen wir uns die Bedeutung dieses Wortes gut, das Abnutzung und Auszehrung der Kr?fte bedeutet ? zum Ko-Produzenten werden, der etwas von den Methoden der Herstellung versteht, der weiss, auf welchem Weg die Lebensmittel auf seinen Tisch gelangen. Schauen, dass der Konsum eines Lebensmittels nicht ein passiver Akt bleibt, sondern dass der Konsum selber Teil des Produktionsvorgangs wird, indem wir uns denen, die wirklich produzieren, m?glichst ann?hern. Eine andere L?sung w?re, wieder zur?ckzukehren zum Konsum lokaler Produkte. Wissen, wo sie hergestellt
werden, ihre Produzenten pers?nlich kennen, sich zu informieren.
S&P: Coop, ein Grossverteiler in der Schweiz, sucht die N?he zu ihrer Organisation und w?rde gerne Slow Food als Label in seiner Produktenpalette aufnehmen.Unter welchen Umst?nden w?re dies vorstellbar?
Petrini:Wir sind sehr offen f?r eine Zusammenarbeit, aber ich schliesse kategorisch aus, dass die Marke Slow Food auf Verpackungen kommt. Wir sind keine Organisation, die zertifiziert, und wollen das auch nicht sein, und zudem d?rfen wir dies als Non-Profit-Organisation gar nicht.
S&P: Das Slow-Food-Netzwerk hat viele Verb?ndete: Gastgeber, Gastronomen,Verteiler, Produzenten, Landwirte, K?che usw. ? Welches sind Ihre bevorzugten Partner?
Petrini: Alle, die unsere Ideale teilen und die etwas zu unserer Bewegung beitragen k?nnen oder f?r unsere Projekte.Wir sind sehr zufrieden, dass wir eine so heterogene Gruppe von Personen zusammenbringen k?nnen.Wir m?chten ein weltweites Netz herstellen, das aus der Allianz all dieser Menschen besteht, das im Austausch und in der Zusammenarbeit nach und nach das
System der Lebensmittelherstellung ver?ndert, das uns von der Agro-Industrie aufgezwungen worden ist.
S&P: Die gastronomische Universit?t von Bra ist einzigartig auf der Welt. Die Studiengeb?hren aber relativ hoch.Wie kann ein Student, dem die n?tigen Mittel fehlen, trotzdem bei Ihnen ausgebildet werden. ? Gibt es Stipendien?
Petrini: Es gibt Stipendien, die auf die Situation der Studierenden abgestimmt sind. Bedenken Sie aber, dass in den Geb?hren neben dem Besuch der Universit?t auch Wohnung, Mittagessen, Computer, alle B?cher und zwei Monate Praktikum bei einem Produzenten inbegriffen sind, also auch Reise,Kost und Logis, inklusive sind.Wenn Sie diese Kosten aufrechnen, merken Sie, dass es nicht so teuer ist.
S&P:Was haben Sie heute zu Mittag gegessen?
Petrini: Una pasta al pomodoro.

