Die Passagiere der Arche
Das Schweizer Huhn
Wissen Sie wer oder was das Schweizer Huhn ist? Ein glückliches Huhn, ein patriotisches Huhn oder etwa gar ein neues Label im Dschungel der Qualitätslabels? Weit gefehlt, denn das Schweizer Huhn ist real und existiert tatsächlich, obwohl nur in sehr kleiner Zahl. Es ist noch gar nicht so lange her, da stand das Schweizer Huhn praktisch vor dem Aus. Der Bestand war auf magere 50 Hühner zurückgegangen. Der Mann, der hinter der glücklichen Rettung des Schweizer Huhns steht, heisst Werner Huber und kommt aus Samstagern oberhalb von Wädenswil. Seit Werner Huber 1997 durch einen Zeitungsartikel auf die seltene Rasse aufmerksam wurde, liegt ihm deren Erhaltung am Herzen.
Der Ursprung des Schweizer Huhns ist nicht vollständig klar und wird sicher noch Gegenstand zukünftiger Abklärungen sein. Einige Quellen verweisen auf das Deutsche Reichshuhn, nach dessen Vorbild dann das Schweizer Huhn kurz nach der Jahrhundertwende nachgezüchtet wurde. Es gibt aber auch Stimmen, die dem Schweizer Huhn einen nicht so ehrenvollen Ursprung nachsagen. Es soll nämlich schlicht und einfach von Deutschen Reichshühnern abstammen, die man einmal bei Nacht und Nebel in die Schweiz gebracht hat und postwendend als Schweizer Hühner eingebürgert hat. Wir Schweizer nichts als gemeine Hühnerdiebe? Da wollen wir uns doch lieber an die erste Variante halten!
Doch wie auch immer; wie sieht dieses ominöse Wesen namens Schweizer Huhn eigentlich aus? Es ist eine unauffällige, mittelschwere Rasse, beliebt als ruhig und bodenständig - so werden in der Fachsprache Hühner bezeichnet, die nicht fliegen - auch beliebt wegen seiner Robustheit, seiner Anhänglichkeit und, als Zweinutzungsrasse, wegen seiner kombinierten Fleisch- und Legeleistung. Das Schweizer Huhn zieht die eifrige Futtersuche am Boden dem Herumfliegen vor. Eine Tugend, für welche die Rasse früher berühmt und beliebt war. Bei optimaler Haltung kann eine Legeleistung von 170 bis 200 Eiern pro Jahr erwartet werden. Das durchschnittliche Eiergewicht beträgt ca. 55 g und die Schale ist nicht, wie man von der Federfarbe her erwarten könnte (siehe auch die Abbildung), weiss, sondern crèmefarbig (die braunen Eier schmecken ja eh besser...). Genau diese Vorzüge haben auch Werner Huber auf das Schweizer Huhn gebracht. Auch Huber beschreibt die Rasse als sehr umgänglich. Man brauche nicht einmal hohe Zäune um den Auslauf herum zu errichten, rühmt Huber weiter. Ein brusthoher Zaun aus leichtem Maschengewebe reiche längstens aus.
Das Schweizer Huhn ist mit seinem weissen Gefieder und ohne auffällige Merkmale äusserlich kaum spektakulär. Wahrscheinlich ist dies mit ein Grund (neben der im Vergleich zu heutigen Hochleistungs-Hühnerrassen mageren Legeleistung) wieso dass Schweizer Huhn fast ausgestorben ist. Denn sein Körperbau ist kastenförmig, die Haltung waagerecht - ein richtiger "Chrampfer" eben, wie es sich für ein echtes Schweizer Huhn gehört. Ein weiterer Hinweis für die optimale Anpassung an unsere Gefilde ist der für die Rasse typische Rosenkamm, ein Beleg für die klimagerechte Züchtung, denn diese kompaktere Kammform erträgt im Winter tiefere Temperaturen ohne abzufrieren, was den aufrecht gewachsenen Kämmen anderer Rassen zuweilen droht. Vor Jahrzehnten war dies noch von grosser Bedeutung, da die Hühner auf vielen Bauernhöfen in einfachen, unisolierten Schuppen gehalten wurden. Den Erfrierungstod muss das Schweizer Huhn auf dem kleinen Bauernhof von Werner Huber nicht mehr fürchten; es darf in gut gebauten und bestens isolierten Hüherhäuschen logieren.
Werner Huber ist mittlerweile einer der heute 45 Züchter, die zusammen mit der Stiftung Pro Specie Rara um das Überleben des Schweizer Huhns kämpfen. Jeder Züchter hält eine Zuchtgruppe mit fünf bis zehn Legehennen - meistens Schwestern - und einen Hahn. Jeweils im Frühjahr vermittelt Pro Specie Rara die Bruteier dieser Gruppen unter den Züchtern. Um das Blut der Herden optimal auffrischen zu können, führt die Stiftung zudem ein sogenanntes Herdebuch, das den Überblick über die Abstammungslinien ermöglicht.
Man könnte meinen, dass Schweizer Huhn sei jetzt endlich gerettet, denn immerhin gibt es heute acht mal mehr Züchter und rund zehn mal mehr Hennen als zu Beginn des Projekts 1991. Zudem wurde im Februar 2000 der Zuchtverein für ursprüngliches Nutzgeflügel gegründet (ZUN), dessen Präsidentin Martina Fraefel von Pro Spezie Rara ist und der das Schweizer Huhn zusätzlich unterstützen wird. Doch wenn das Schweizer Huhn tatsächlich langfristig überleben soll, muss es wieder seine ursprüngliche Aufgabe als Eier- und Fleischlieferant bekommen. Nur wenn die Produkte vom Schweizer Huhn käuflich zu erwerben sind, kann auch eine oekonomische Basis für das Überleben nicht nur des Schweizer Huhns, sondern auch der Züchter gelegt werden. Denn die Logik ist einfach: was geschätzt wird, gerät nicht in Vergessenheit.
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